Sturmtief

Als ich diesen Blog gestartet habe, habe ich mir überlegt, welche Themen ich behandeln möchte. Der Jakobsweg war mir wichtig und meine Erfahrungen darauf, schöne Ausflüge mit der Familie, schöne und turbulente Tage aus meiner Familie. Darüber schreibe ich auch, und das auch sehr gerne.

Doch als ich jetzt auf anderen Blogs am lesen war, merkte ich, dass etwas fehlt, ein entscheidender Teil von mir. Das hat einen Grund, denn ich wollte eigentlich nicht darüber schreiben, nicht über negative Dinge. Doch mein Blogname drückt es schon aus, ganz unbewußt. Und deswegen möchte ich euch mitnehmen in den Sturm. Ich leide unter Depressionen. Unter anderem. Ich möchte authentisch sein hier. Ich möchte darüber schreiben, was das für mich und auch für meine Familie bedeutet. Denn gerade ist Sturmtief.

Es kommt immer wieder. Mindestens einmal im Jahr. Und seit einigen Wochen ist es wieder soweit. Wird Woche zu Woche mächtiger und nimmt mich mehr gefangen. Meine Depression ist wieder da. An manchen Tagen ist es schlimmer, manche Tage sind gute Tage. Was erschwerend hinzu kommt, ist, dass ich auch hochsensibel bin. Das weiß ich seit einigen Jahren.

Was bedeutet Hochsensibel? Als Kind und Jugendlicher dachte ich immer, ich wäre falsch. Denn ich war irgendwie anders als andere Kinder. Ich kam schnell an meine Grenzen, fühlte mich schneller erschöpft und wollte dann allein sein, in meinem Zimmer. Unbewußt habe ich als Kind schon das richtige getan. Hochsensibel zu sein, bedeutet vor allem mehr Eindrücke wahrzunehmen als „normale“ Menschen. Lauter, heller, heißer oder kälter. Alle Sinne sind offener. Ich bin lärmempfindlich, unheimlich geruchsempfindlich und lichtempfindlich. Ich halte es nicht lange mit vielen Menschen in einem Raum aus.

Mir ist es dann zu laut, zu voll, zu trubelig. Mir wird schwindelig, ich fühle mich gereizt und will einfach nur weg. Das Erlebnis hatte ich gerade erst wieder als ich mit den Kids im Aqua Mundo im Center Parc war. Soviele Menschen…. so laut…. Ich wollte, musste nur noch raus da. Es tat mir leid für meine Kinder die gerne länger geblieben wären, aber ich war kurz vom ausrasten.

Ja, ich war als Jugendlicher auch in Discos, aber nicht oft. Ich war auf ein paar Konzerten. Dann gebe ich mich aber ganz bewußt in eine solche Situation, und irgendwie ist es dann ok. Wenn ich merke, ich ertrage es heute nicht, ich bin schon am Überlastungslimit, dann gehe ich auch nirgends hin. Ich lasse meinen Mann alleine auf Feiern gehen. Früher konnte ich das nicht, denn ich war ja schließlich eingeladen, es gehört sich nicht, dann zu Hause zu bleiben.

Heute kann ich besser auf mich hören und achten. Aber nicht immer. Auch durch meine Mutterrolle komme ich sehr oft an meine Überlastungsgrenze. Denn ich kann mich weit weniger erholen als ich es bräuchte. Das führt dazu, dass ich dann auch gereizt bin, mich vieles nervt.

Wenn dann, so wie jetzt, sich meine Depression noch dazu meldet, dann ist tatsächlich Sturmtiefzeit. Ich kann dann keine schöne Gedanken finden. Alles ist irgendwie dunkel, schwarz. Ich bin träge, möchte nichts machen. Ich funktioniere irgendwie, fühle mich aber eher wie ein Zombie, denn ich mache es ja alles wie ein Roboter. Es sind vertraute Handlungen. Aufräumen, wegräumen, spülen, kochen, waschen etc. aber ich brauche gefühlt doppelt so lange, mache es nur, weil ich nicht möchte, das meine Kinder in einem Schweinestall wohnen.

Viele Handlungen fallen mir enorm schwer. Es bedeutet einen großen Kraftaufwand für mich. Ich bin deswegen abends früh müde. Ich gehe früh ins Bett und statt zu lesen wie sonst, schaue ich Netflix. Oft kann ich dann trotzdem nur schwer einschlafen. Ich versuche mir Serien anzusehen, die keinen großen Anspruch haben oder bei denen ich groß nachdenken muss.

Nach außen ist es für die meisten Menschen wie immer. Vielleicht fällt ihnen auf, das ich mürrisch wirken könnte. Aber was denken schon andere? Ich möchte nicht mit Ihnen über meine Krankheit reden oder mich erklären. Auch wenn ich es schade finde, wenn andere denken, ich wäre ein mürrischer Mensch.

Schauspielern kann ich gut. Eine Maske anzuziehen und „da draußen“ normal zu funktionieren habe ich über Jahrzehnte trainiert. Ich glaube, ich fing an, mit 12/13 depressiv zu werden. Zumindest hatte ich zu dem Zeitpunkt das erste Mal Selbstmordgedanken und schloss mich in meinem Zimmer tagelang ein. Ich bewunderte (und bewundere) die Kinder, die immer fröhlich waren. Menschen die in allem immer das Gute sehen, nie schwarze Gedanken haben.

Erst vor 2 Wochen habe ich herausgefunden, dass gesunde Menschen keine Todessehnsucht haben. Auch nicht ein einziges Mal in ihrem Leben. Zumindest haben mir das 2 nicht depressive Menschen gesagt. Sie könnten sich das nicht vorstellen. Für mich ist dieser Wunsch ein treuer Begleiter. Eben seit ich 12/13 war. Das ich es nicht umgesetzt habe, liegt wohl daran, dass ich nie schwer depressiv war. Glaube ich zumindest. Denn im Grunde weiß ich nicht, wo der Grat verläuft, an dem man seinen Todeswunsch umsetzt und wann nicht.

Ich habe schnell verstanden, dass mein Verhalten, meine Traurigkeit nicht erwünscht ist in der Gesellschaft. Ständig fragt mich irgendjemand wie es mir geht, aber in Wirklichkeit interessiert es kaum jemanden. Die Wahrheit zu sagen ist nicht erwünscht. Also lernte ich bereits in jungen Jahren, zu lügen und meine wahren Gefühle zu verstecken und Gesellschaftskonform zu sein.

Denn für meine Mutter war es immer enorm wichtig, was die Menschen da draußen von uns als Familie denken. Ich hatte das Gefühl, ich muss so funktionieren, wie sie es gerne hätte. Also nett und freundlich sein. Schlechte Laune, ein mürrisches Kind, das passte irgendwie nicht.

Heute denke ich oft, im Rückblick auf all das, das auch meine Mutter oft eine Maske aufsetzte und etwas vorgab, was sie nicht war. Hauptsache freundlich. Und da ich so aufgewachsen bin, habe ich mir diese Schauspielkunst bis heute sehr gut erhalten. Ich kann einen echt miesen Tag haben, aber wenn ich im Kindergarten angesprochen werde von der Erzieherin weil sie was klären oder wissen möchte, knipse ich automatisch mein Lächeln an und bin freundlich und zugewandt.

Schon freaky. Doch ich glaube, andere machen das auch. Eines der eingängigsten Lieder dazu die ich kenne ist von der Band PUR. Es ist das Lied „Noch ein Leben“. Und eine Textpassage geht So:

„Die tiefe Traurigkeit in dir
dafür fehlte das Gespür
hab ich ganz anders als dein Lächeln
im Trubel übersehn.
„Drachen sollen fliegen“ war dein Lieblingslied
und in jener Nacht hast du es wahr gemacht
und bist losgeflogen
ganz ohne Flügel aus dem 13. Stock.
Du hast dein Ende selbst gewählt
hast dich mit leben so gequält
doch war das fair? War das nicht feige?
Du gibst keinem mehr `ne Chance.
Erst wenn dein letzter Vorhang fällt
erst dann verliert die Welt den Mut für dich,
ich wünsch` dir trotzdem alles Gute,
da, wo du jetzt bist.

Die Band hat dieses Lied für jemanden geschrieben, der sich tatsächlich das Leben genommen hat. Doch ich finde mich so sehr darin wieder. Und es gibt mir auch Mut. Denn genau das denke ich, es wäre feige, nicht fair. Denn da draußen wartet noch soviel auf mich. Noch hat mich die Welt nicht aufgegeben. 

Ich weiß aber auch, dass es durchaus an Depression erkrankte gibt, die es nicht schaffen das auch nur ansatzweise zu denken. Und glaubt mir, es gibt Tage, da fällt mir das auch schwer bzw. ist unmöglich. Das sind die ganz schwarzen Tage. Wo ich nur noch ein Häufchen Elend bin, mich verkrieche, nix hören und sehen will. 

An den Tagen wo es aufwärts geht, da eben hilft mir Musik. Die Texte, wenn ich mitsinge, dann sage ich diese Dinge auch zu mir selbst. Und jedes Wort wirkt. Langsam, aber stetig. 

Vor vielen Jahren habe ich eine Psychotherapie gemacht und Antidepressiva eingenommen. Die Therapie hat mir damals nicht geholfen. Ich habe nicht verstanden, warum wir jedes Mal wieder in meine Kindheit und Jugend mussten und ich erzählen musste von all den psychischen Schmerz der mir da angetan wurde. Damit habe ich das nur alles wieder aus der Versenkung geholt. 

Aber es kommt alles wieder. Seit Jahren bin ich in der Persönlichkeitsentwicklung unterwegs. Habe eine Ausbildung zum Entspannungstrainer gemacht, war bei dem Seminar „Finde deine Berufung“, Kommunikationsausbildung (NLP Practitioner), Hypnose Grundausbildung, Fernstudium zum psychologischen Berater, Mehrere Module als NLP Coach… Und die Heldenreise. Das alles hat mich weiter gebracht, aber es taucht oft dasselbe wieder auf. 

Meine liebe Freundin und Seelenschwester Nicole sagte diese Woche zu mir, vielleicht kommen die depressiven Phasen solange wieder, bis ich mein Thema endlich abschließend bearbeitet und geklärt habe. Denn wie gesagt, es kommt immer wieder zu dem selben Dingen. Immer in anderen Gewand, aber das Oberthema ist stets dasselbe und noch nicht geklärt. 

Es geht um Selbstliebe und Selbst-Akzeptanz. Mich mit all meinen Facetten und meinen Besonderheiten und Begabungen annehmen. So zu leben, wie ich bin und nichts zu verstecken. Ein großer Schritt dahin, ist dieser Beitrag hier und mein totales Offenlegen, mit dem ich weiter machen möchte. Mehr und mehr zu zeigen, wer ich bin. 

Ich nehme jetzt seit 2 Wochen Johanisskraut Dragees und merke inzwischen eine deutliche Verbesserung meiner Stimmung und Gemütslage (an diesesem Artikel schreibe ich seit fast einer Woche). Doch ich habe immer noch das Bedürfnis mich einzuigeln und meine Ruhe zu haben. Dem gehe ich auch noch weiterhin nach, denn ich weiß, irgendwann ist das wieder vorbei. 

Ich nehme Euch mit. Durch diese Zeit. Schreibe auch weiter über tolle Ausflüge mit meiner Familie, mein Jakobsweg wird noch weitergehen und auch alles andere was mich bewegt kommt jetzt hier. 

 

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.