Schubladendenken

Ich denke in Schubladen. Also in Schwarz und Weiß. Selten in Grau. Zumindest darf ich mir das öfters mal anhören. Das ich so denke. Ist das jetzt schlimm? Darf „man“ in Schubladen denken? Und was ist das überhaupt? Gibt es Menschen die nicht in Schubladen denken? Geht das?

In Schubladen zu denken, bedeutet im allgemeinen, dass wir in Vorurteilen denken. Wenn ich also eine neue Person kennenlerne, stecke ich sie in eine Schublade, von der ich denke, da gehört sie rein. Das ist jedoch denken mit Vorurteilen, denn ich kann ja noch gar nicht wissen, wie diese Person ist.

Vorurteile haben ihre Bedeutung schon im Wort: Ich beurteile vor. Also bevor ich mir eigentlich ein Urteil bilden kann. Warum tu ich das? Weil es einfacher ist. In Laufe meines Lebens habe ich unzählige Situationen erlebt, viele tausend Menschen kennengelernt und denke deswegen, jetzt kann ich jeden Menschen irgendwie zuordnen. Zum Beispiel einer Kategorie: Mutter, Spießer, Angeber, Alternativer, Öko, Langweiler etc.

Damit nehme ich mir aber einen riesen Gewinn. Denn wenn ich zum Beispiel denke, Ökos sind alle langweilig und essen nur Körner, und stecke eine neue Person in diese Schublade, in dieses Vorurteil, dann nehme ich ihr die Chance mir zu beweisen, das sie anders ist. Das soll jetzt nichts gegen Ökos sein. Sollte dies der erste Beitrag sein den du von mir liest, dann sei versichert, ich bin selbst einer. Hast du schon mehr von mir gelesen, weißt du das bereits.

Warum aber passiert das trotzdem immer wieder? Der Mechanismus ist wirklich schwer zu beenden. So ganz damit aufzuhören in Schubladen zu denken. Denn auf der einen Seite ist es ja so furchtbar bequem. Es erleichtert das Leben, weil ich nicht lange nachdenken muss. Stempel drauf und jut.

In den letzten Jahren habe ich immer mehr versucht, mir das abzugewöhnen. Für Orte, Dinge und Ereignisse fällt mir das leicht. Da ich sehr abenteuerlustig bin, lasse ich mich gerne auf neues ein und es hat überhaupt keinen Sinn, irgendwelche Parallelen zu anderen mir schon bekannten Situationen zu ziehen. Denn jedes neue Erlebnis ist anders, hat eine andere Qualität, eine andere Botschaft, eine anderen Lernimpuls für mich.

Bei Menschen fällt mir das zum Teil immer noch etwas schwer. Ich merke immer wieder, das ich schnell zu gängigen Klischees greife. Ich beurteile jemanden dann zum Beispiel danach, was er für Kleidung trägt, oder welche Frisur er hat. Damit tue ich den Menschen Unrecht. Ich durfte schon mehr als einmal feststellen, dass sich mein erstes Urteil nicht bestätigt hat.

Was allerdings gut funktioniert ist meine Intuition. Die hat nix mit Schubladendenken zu tun. Wenn ich ein komisches Gefühl im Bauch habe bei jemanden, auch nach dem 2., 3. Mal, dann weiß ich, das wird nix. Irgendwas stört mich, irgendeine Energie die von diesem Menschen ausgeht ist für mich negativ.

Das Schubladendenken habe ich ganz klar aus meiner Familie. Meine Mutter ist bis heute ein Mensch, der alle anderen Menschen rein nach Äußerlichkeiten beurteilt und bewertet. Einer ihrer liebsten Sprüche ist: „Was sollen denn die Leute denken?“ Sowas kann nur jemand sagen, der selbst immer über andere nachdenkt. Als mein Vater vor 12 Jahren plötzlich und unerwartet im Garten bei der Gartenarbeit umkippte und verstarb, war ihr dringlichster Gedanke, dass er hoffentlich am morgen frische Unterwäsche angezogen hat.

Ich habe meine Mutter wirklich lieb, sie ist im Grunde ein herzensguter Mensch der uns immer hilft und unterstützt. Sie ist jedoch ein Paradebeispiel für Schubladendenken. Bei ihr gibt es wirklich nur schwarz oder weiß. Gut oder böse. Das darf man, das gehört sich nicht.

Je älter ich wurde, und ganz besonders in den letzten 4 Jahren, ist mir „Was sollen denn die Leute denken“ total egal geworden. Zumindest was mich betrifft. Mir ist es zu 99% egal was Menschen sich über mich für Gedanken machen. Ob ihnen gefällt wie ich lebe, wie ich mich kleide oder meine Kinder erziehe. Als ich den Jakobsweg gegangen bin, war ich jeden Tag ungeschminkt, trug nicht wirklich figurtaugliche Kleidung und es war mir egal.

Jetzt, Monate später, fange ich wieder an, mich mehr zu schminken (so wie vor dem Weg), und auch wieder mehr darauf zu achten wie ich rumlaufe. An manchen Tagen hole ich meine Kinder auch in meiner Einhorn-Jogginghose im Kindergarten ab. Oder in schmutzigen, alten Klamotten weil ich gerade aus dem Schweinestall komme (im wahrsten Wortsinn, wenn ich im Auenland war). Mir ist dann wirklich egal was irgendeine andere Mutter denkt, oder eine Erzieherin.

Wenn ich mich jetzt wieder häufiger schminke, mich schick kleide, tue ich das, weil ICH DAS WILL. Ich tue das nur für mich. Nicht für jemand anders. Und wenn ich keine Lust dazu habe, lass ich es sein.

Was jetzt noch fehlt, ist es zu schaffen, auch allen Menschen die mir begegnen genau diese Freiheit zu lassen. Sie nicht zu beurteilen oder zu bewerten, weil sie eine Einhorn-Jogginghose tragen. Sondern mich zu freuen, dass es ihnen piepegal ist, was andere denken. Ich übe das. Sobald ich merke, die Schublade geht gerade auf, sofort STOP in meinem Kopf zu rufen und mir zu sagen, ich bewerte nicht. Jeder darf leben wie er will. So wie ich diese Freiheit für mich gefunden habe, mich von den Bewertungen anderer komplett frei zu machen, so darf ich auch aufhören zu bewerten.

Um also auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen.
Darf man in Schubladen denken? Klar, jeder wie er will. Es nimmt einen nur sehr viel Möglichkeiten.
Gibt es Menschen die nicht in Schubladen denken? Bestimmt. Ein paar habe ich schon kennengelernt. Es sind in der Regel sehr ausgeglichene, ruhige, authentische Menschen die ich schnell mag. So will ich dann auch sein denke ich immer.
Geht es nicht in Schubladen zu denken? Ja, auf jeden Fall. Es ist Übungssache. Ich brauche schon 3 Jahre dafür. Es wird besser. Immer mehr.

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