Was es für mich bedeutet hochsensibel zu sein

Ich weiß erst seit wenigen Jahren, vielleicht 3 oder 4, dass ich anscheinend hochsensibel bin. Diese Erkenntnis hat einiges in meinem Leben verändert und vieles erklärt. Was genau, das möchte ich Dir gerne hier näher erzählen.

Den Begriff geprägt hat eine amerikanische Psychologin, die sich Anfang der 90er Jahre damit auseinandersetzte. Die Forschungen sind noch sehr neu und nicht sehr weit, so dass noch einiges im Dunkeln liegt. Es wird davon ausgegangen das ca. 15-20% der Bevölkerung hochsensibel ist. Männer ebenso wie Frauen.

Es ist keine Krankheit, kein Gendefekt oder Annomalie. Alle Menschen nehmen ihre Umwelt über ihre Sinne wahr. Der Großteil der Informationen wird jedoch herausgefiltert. Bei Hochsensiblen werden weniger Informationen herausgefiltert. Sie nehmen ein höheres Spektrum der Außenwelt und von sich selbst wahr.

Was genau intensiver wahrgenommen wird, ist individuell verschieden. Alle Sinne sind betroffen. So können Gerüche, Geräusche, Empfindungen auf der Haut betroffen sein. Es kann Lichtempfindlichkeit bestehen oder ein besonders hoher Reiz beim Schmecken vorhanden sein. Auch das Fühlen von Schwingungen zwischen Menschen kann betroffen sein.

Das Aufnehmen von Wahrnehmungen ist begrenzt. Wenn du auf einen Konzert warst, wirst du nicht direkt zu Hause laut Musik hören wollen. Dass Wahrnehmung Pausen braucht, ist gut erkennbar daran, dass zum Beispiel im Theater eine Pause gemacht wird. Seminare nicht ununterbrochen durchgezogen werden… Ein guter Trainer erkennt wann seine Teilnehmer eine Pause brauchen.

Irgendwann sind bei allen Menschen die Speicher voll und die Akkus leer. Auch hier sind wir verschieden. Als Hochsensibler sind die Speicher schneller voll und die Akkus schneller leer, einfach weil mehr Informationen aufgenommen werden. Für Aussenstehende wirkt das erstmal so, als seien Hochsensible nicht so belastbar. Wenn sich dann ein Hochsensibler Mensch aus einer überreizten Situation rettet, also geht, wird dies oftmals falsch gedeutet.

Ich reagiere auf Gerüche sehr stark. Ich kann mich an eine Szene aus meiner Kindheit erinnern, als ich mit meiner Mutter im Urlaub auf Sri Lanka war. Wir haben einen einheimischen Fischmarkt besucht, überall lagen tote Fische auf dem Boden. Das Foto das meine Mutter von mir mit den teilweisen sehr großen Fischen machte, spricht Bände. Ich verziehe angewiedert vom Geruch das Gesicht. Meine Mutter konnte keinen schlimmen Geruch feststellen und ich hörte (mal wieder) den Satz „Stell dich doch nicht so an!“.

Doch, ich stelle mich an. Ich kann den Geruch von toten Fisch nicht ausstehen. Auch wenn mir immer wieder gesagt wird, frischer Fisch stinkt nicht. Wenn ich einkaufen gehe, und der Supermarkt hat eine Fischtheke, rieche ich es schon lange vorher und versuche so schnell wie möglich aus dem Dunstkreis des Geruchs heraus zu kommen. Teilweise wird mir richtig schlecht davon.

Auch Katzenklos bzw. Katzenurin rieche ich zielsicher. Wenn ich in eine fremde Wohnung komme, rieche ich quasi sofort, ob dort eine Katze lebt. Als ich einmal sagte, bei der Tante meines Exmannes rieche es penetrant nach Katzenklo, erntete ich strafende Blicke von meiner Schwiegermutter (ihrer Schwester) und meinem Mann. Denn sie meinten, es würde überhaupt nicht nach Katzenklo dort riechen.

Auch das Katzenklo meiner Katze „stinkt“ mir sehr schnell und ich rieche es teilweise so penetrant im Flur das es für mich schon eklig ist. Mein lieber Mann riecht…. nix. Jetzt, wo ich weiß, das dieser Sinn durch meine Hochsensibilität stark ausgeprägt ist, verstehe ich, warum ich Dinge rieche, die anderen (länger) verborgen bleiben. Oft ist das nicht unbedingt schön. Es gibt aber auch sehr schöne Gerüche die ich natürlich auch verstärkt wahrnehmen kann. Der Geruch von frisch gemähten Gras. Oder der frische Geruch des Frühlings nach einem Regenschauer.

Da fallen mir noch Beispiele für diesen Sinn ein und wo es nervt. Denn auch Schweißgeruch nehme ich sehr schnell wahr und, naja, finde es natürlich eklig. Wo ich denke „da hat aber jemand sehr viel Parfüm aufgetragen…“ ist es für die anderen total ok. Es gibt also sowohl doofe Seiten, als natürlich auch sehr schöne Seiten am hohen Geruchssinn.

Lärmempfindlich bin ich auch. Gerade wenn viele Menschen zusammen kommen, es also unweigerlich laut wird, komme ich sehr schnell an meine Grenzen. Jetzt habe ich einen Vorteil dabei. Seit meinem 3. Lebensjahr bin ich auf dem linken Ohr taub. Ich hatte als Kleinkind eine Meningitis und das ist davon zurück geblieben. Es wird also schon mal etwas Lärm gefiltert, da ich nur Mono höre.

Wenn es mir irgendwo zu laut wird, brauche ich mir nur ein Ohr zuzuhalten, bzw. im Bett lege ich mich einfach auf mein rechtes Ohr und höre alles nur noch gedämpft. Sehr praktisch im Urlaub, wenn Party im Hotel ist, oder auch nach dem Nachtdienst bzw. wenn die Nachbarn draussen noch lange reden.

Vor knapp 2 Wochen war ich mit meinen Kindern im CenterParc. Wir waren natürlich auch im AquaMundo. Dort war es dermaßen voll dass man sich im Wasser vorkam wie ein Hering in der Dose. Dementsprechend hoch war der Lärmpegel. Ich war dann auch sehr schnell erschöpft. Nach noch nicht mal 2 Stunden wurde mir schwindelig und ich fühlte mich elendig. Ich ging mit den beiden Kleinen raus. Die waren nicht begeistert und wollten bleiben, aber ich wollte nur raus. In den Bungalow, Ruhe tanken, etwas essen, Batterie aufladen. Denn ich wußte ja, der Tag ist noch nicht zu Ende.

Auch in Einkaufscentern wird es mir oft zu viel. Wenn dort viel los ist, zB vor Weihnachten oder an Regentagen, herrscht dort auch ein hohes Geräuschelevel. Zusammen mit den vielen Menschen führt das dazu, dass ich so schnell wie möglich dort weg muss. Ein Hoch auf Online Shopping.

Mir ist auch hier ein Erlebnis aus meiner Vergangenheit in Erinnerung. Vor ca. 10 Jahren waren wir mit den Kindern in Köln im Odysseum, einen Mitmach-Science Museum. Von Jetzt auf Gleich wurde es mir anders und ich hatte nur noch das starke Bedürfnis raus zu wollen. Ich bin dann in den Innenhof geflüchtet, mein Mann ist mit den Jungs weiter gegangen.

Damals fragte ich mich, was nur mit mir los wäre, das mich so ein „normaler“ Museumsbesuch auf einmal so anstrengt und ich am liebsten nur noch da raus möchte? Heute weiß ich gottseidank was dann los ist und was ich brauche. So eine Auszeit auf einem ruhigen Innenhof kann dann schon viel helfen. Manchmal hilft aber tatsächlich nur das Gehen.

Menschen sind auf jeden Fall für mich anstrengend. Also in größeren Massen. Manchmal aber auch schon auf Partys oder Feiern. Da stürmt zuviel auf einmal auf mich ein. Laute Musik, Lichter, dieses unterschwellige Geräusch von redenden Menschen…. Es fällt mir schwer Anschluss zu finden. Ich weiß nicht so recht, worüber ich mit den Anwesenden reden soll und fühle mich deswegen auch schnell fehl am Platz. 

Dadurch dass meine Sinne so erbarmungslos überreizt werden, bin ich dann sehr schnell sehr ruhig. Ich suche mir die ruhigste Ecke und sitze dort einfach und beobachte oder schaue auf den Boden oder einen fixen Punkt um mich vor visuellen Reizen zu schützen. Wie das auf andere Menschen wirken mag, kann ich nur erahnen. Wahrscheinlich komisch. 

Während meiner gesamten Lebenszeit schon, hatte ich immer dieses Gefühl nicht dazu zu gehören. Ich konnte nur nie fest machen woran es liegt. Denn auch im Erspüren von Gefühlen bei anderen bin ich hochsensibel. Ich merke sofort, ob es meinem Gegenüber gerade schlecht geht oder gut. Ob er mich mag oder nicht. Ich hatte und habe immer nur wenige Freunde. Dadurch das ich mich immer wieder zurück ziehe, keine Partymaus bin und eher ruhig wirke, ist es auch nicht leicht für mich, neue Menschen kennenzulernen. 

Zwar hat das ruhig wirken auch schon positive Aspekte gehabt, und ich habe auch kein Problem, fremde Menschen anzusprechen und etwas zu fragen, aber ich halte mich immer sehr zurück. Beobachte zuerst, versuche Schwingungen intuitiv zu erfassen. Tut mir ein Mensch nicht gut, erkenne ich das in der Regel auch recht früh und lasse von ihm ab. Wenn ich auf meine Intuition vertraue. 

Als Jugendlicher habe ich das oft nicht. Denn ich wollte ja dazu gehören. Da war ich dann tatsächlich auch mal in Gruppen unterwegs die mir gar nicht gut getan haben. Hatte die falschen Freunde. Die waren zwar cool, aber ich musste mich dermassen verstellen und vorgeben etwas zu sein das ich nicht bin, dass ich krank darüber wurde. 

Heute bin ich viel weiter und jetzt gehe ich ja sogar noch weiter. Denn zum einem beginne ich hier damit offen darüber zu sprechen, zum anderen öffne ich mich aber auch Menschen die mir wichtig sind und erkläre was los ist. Warum ich manchmal schneller weg bin auf Festen. Oder mich auch mal länger nicht melde. 

Denn ich habe ja auch 2 kleine Kinder. Und die verbrauchen viel von meinen Akkus. Gerade an den Wochenenden. Denn sie sind laut, sie fordern ständig irgendwas von einem und sind (noch) nicht in der Lage, meinen Wunsch nach Ruhe zu akzeptieren. Ich habe jedoch einen wundervollen Mann. Manchmal teilen wir uns die Kinder auf. So hat jeder nur eins. Oder er fährt mit ihnen allein zum Spielplatz. 

Mein Beruf gibt mir auch viele Möglichkeiten den Akku zu laden. Denn ich habe oft in der Woche freie Tage, wo ja die Kinder im Kindergarten sind. Seitdem ich immer mehr auf mich achte, nutze ich diese Tage auch wirklich um mir was Gutes zu tun. Meine Akkus zu füllen. 

Noch habe ich das ideale Gleichgewicht nicht gefunden. An manchen Tagen achte ich zu wenig auf mich und bin dann gereizt. Oder ich mute mir zu viel zu. Zu viele Sinneseindrücke. Gerade im Urlaub. Daran möchte ich immer besser arbeiten. Ein gutes Gleichgewicht zu finden und vor allem auf mich zu achten. Ich bin abends immer platt. Ich liege oft um 20 Uhr auch im Bett, schaue noch etwas Tv und schlafe dann. 

Doch ich weiß jetzt, das ist ok. Ich kann das immer besser akzeptieren. Hier möchte ich euch gerne weiterhin darüber berichten, was ich als Hochsensible anders erlebe und wie es gerade mit den Kindern ist. Und ich freue mich, wenn ihr mir in den Kommentaren von Euren Erfahrungen berichtet. 

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