Bin ich denn total irre?

Diese Frage stelle ich mir im Moment öfters…. Der Grund? Ich habe was total irres getan, etwas spontanes, verrücktes und ich habe noch keine Ahnung ob ich es schaffe. Aber jetzt ist zu spät. Jetzt muss ich da durch.

Wodurch? Durch 250 km wandern. Aufgeteilt auf 12 Tage. Von Porto in Portugal bis nach Santiago de Compostela in Spanien. Bei einigen wird es jetzt klingeln. Genau. Ich gehe den Jakobsweg. Und zwar den portugiesischen.

Habe ich schon mal eine Fernwanderung gemacht? Bin ich schon mal mehrere Tage mehr als 20 km gegangen? Bin ich überhaupt fit oder habe sportliche Kondition?

Nein, Nein, Nein und nochmals nein…. Und warum mache ich das dann? Warum tue ich das? Diese Frage stellt mir fast jeder dem ich von meinem Vorhaben erzähle. Die einfachste Antwort wäre, weil ich total irre bin… aber nein. So ist dann doch nicht. Lasst mich erzählen. Wer mag und wissen möchte was mich, 42 Jahre alt, 172 groß, 86 Kilo schwer, unsportlich,  Mutter von 4 Kindern, dazu bringt mir diese körperliche Höchstleistung anzutun, der nehme sich nun was zu trinken und lehne sich zurück, ich werde es Dir erzählen.

10.09.2018 – Der Tag der Entscheidung

Ich habe es gemacht. Ich habe heute morgen vor der Arbeit einen Flug nach Porto gebucht. Für den 6. Oktober 2018, in weniger als 4 Wochen. Und am 20. Oktober fliege ich wieder zurück. Von Santiago de Compostela. Dazwischen liegen 250 km Jakobsweg die ich zu Fuß gehen möchte.

Es war eine spontane Entscheidung. Obwohl es schon lange in mir gegärt hat. Ich wollte schon lange mal den Jakobsweg gehen. Spätestens seit dem Buch von Hape Kerkeling. Bisher war es jedoch ein Wunsch der eher so für die nächsten 5-10 Jahre irgendwann mal auf der Liste stand.

Im Februar erzählte mir dann eine Bekannte, das sie nächstes Jahr den Jakobsweg gehen möchte. Da habe ich sofort gesagt „Toll, nimm mich mit!“ Ihre spontane Antwort war dann auch „Dich könnte ich mir gut als Begleitung vorstellen.“ Von Ihr kam die Idee von Porto zu starten. Das ist der Caminho Portugues.

Wir wollten uns dann mal ab Sommer diesen Jahres treffen zwecks Gesprächen wegen Vorbereitung, Procedere etc. Gehört habe ich allerdings schon länger nichts mehr von Ihr (Ok, ich habe mich auch nicht gemeldet.) Ich fing dann aber im August wieder an zu googeln, stellte fest, es gibt auch in der Eifel einen Jakobsweg, von Andernach nach Trier. Der hat mich aber irgendwie so garnicht angesprochen.

Ich landete wieder bei dem Portugisieschen. Ich fand heraus das dieser Weg ca. 250 km lang ist und von „normalen“ Menschen in 12 Tage zu schaffen ist. Bei einer Laufleistung von ca. 20-25 km am Tag. Inklusive 1 An- und Abreisetag muss ich also 14 Tage investieren. Sportliche Menschen schaffen es etwas schneller 😉

Diesen Weg wollte ich also im Auge behalten. Das ganze kostet ja auch Geld. Flug, Unterkünfte, Ausrüstung. Ok, das wird dann wohl doch nichts, dachte ich mir. Zumindest dieses Jahr nicht mehr. Ich muss ja auch die Zeit dafür haben. Aber nächstes Jahr, für nächtes Jahr will ich es einplanen. So Ende April, Anfang Mai 2019 wäre doch ein guter Zeitpunkt, so mein Plan.

Nur leider kommt da jetzt ein Seminar von meinem Mann dazwischen und vorher wird es schon schwierig. Da ist zu einem Ostern, und da muss ich nun wirklich nicht pilgern (ich habe die leise Befürchtung, das viele Katholiken aus Portugal und Spanien dann dort unterwegs sind) und davor ist auch der Geburtstag meienr Tochter wo ich ja kaum fehlen kann.

Nach dem Seminar von Marcus ist es schon langsam wieder voller auf dem Jakobsweg, denn es ist schon fast mitte Mai. Das will ich auch nicht.Mir graut es vor vollen Herbergen und vielen Menschen. Ich recherhierte noch mal intensiver und landete auf einer tollen Internetseite über den Camino Portugues (Hier klicken).

Wie, wir haben im Oktober keine Termine….

Darauf fand ich auch eine Übersicht wann es denn ein guter Zeitpunkt wäre, den Weg zu gehen. Oktober ist ein guter Zeitpunkt, da es dann noch wärmer ist und es ist nicht mehr sehr voll. Es sind nicht soviele Menschen unterwegs wie von Mai – September. Ich habe dann mal einen Blick in unseren tollen Google Familienkalender investiert, und siehe da, es kommt so gut wie nie vor, aber es war tatsächlich fast nix im Oktober drin.

Spasseshalber habe ich dann mal Preise für Flüge gecheckt und fand sie mit insgesamt 260,- € für hin und zurück auch sehr erwschinglich. Es gab also 2 Ausreden weniger für mich. Was ich dann auf der tollen Internetseite auch noch herausfand, war, das so ein Tag auf dem Jakobsweg garnicht so teuer ist.

Was ich bis dato nicht wusste, in den Herbergen zahlt man für die Übernachtung nur 5€. Wenn man dann noch abends kocht, allein oder mit anderen Pilgern zusammen, kostet ein Tag Jakobsweg ca. 15€. Ist man etwas verschwenderischer und geht abends essen und gönnt sich ein Pilgermenü (meist ein 2-3 Gänge Menü mit Wein und/oder Wasser) für 9-10 € ist man bei ca. 25€ am Tag.

In den Dörfern, durch die man ja ständig kommt, gibt es kleine Supermärkte für die Verpflegung unterwegs. Und kleine Bars/Restaurant kreuzen auch ständig den Weg. Ich habe das dann meinen Mann erzählt und seine Frage war nur „Und wann buchst du?“ Ich war ehrlich überrumpelt und meinte nur „Das kann ich doch nicht machen. Es ist viel zu spontan. Das wäre ja schon in 4 Wochen. Das geht doch nicht, so schnell, mal eben. Und dann 2 Wochen weg sein. Ich verdiene kein Geld in der Zeit (ich bin selbstständig) und muss das wieder reinarbeiten.“

Das waren alles keine Argumente für ihn. Ich habe das Bedürfniss JETZT diesen Weg zu gehen, weil er mich ruft, also soll ich das auch JETZT machen und nicht erst nächstes Jahr. So seine Aussage.

Ich schlief trotzdem noch eine Nacht darüber und am nächsten Morgen fragte er mich dann, ob ich jetzt buchen würde. Mein Kopf schrie laut „NEIN!“ aber mein Herz und mein Bauch schrieen kräftig dagegen und meinten „TU ES!“

Es ist kaum zu erklären. Ich habe dieses starke Gefühl, das jetzt meine Zeit ist, diesen Weg zu gehen. Denn er stellt dir vor allem eine Frage:“Wer bist du?“ und diese Frage möchte ich nur allzu gerne beantworten können. Ich habe in mir dieses feste Gefühl, das der Weg mir hilft, auf meinen Weg weiterzukommen.Mein Mann nennt es einen Ruf. Der Weg ruft mich. Das hört sich total abgefahren an, aber beschreibt es noch mit am besten.

Nur 2 Klicks entfernt….

Da ich keine Gegenargumente mehr hatte, setzte ich mich also am Morgen des 10.9. 2018 an meinem Laptop und buchte 2 Flüge. Am 6.10. von Düsseldorf nach Porto und am 20.10. von Santiago nach Düsseldorf. No Return now. Mal eben so, vor der Arbeit. Ist ja heute kein Problem mehr. Hat genau 10 Minuten gedauert.

Ich bin dann zu meinem Kunden gefahren und habe ihm auch sofort gesagt, das ich im Oktober 2 Wochen im Urlaub bin und nicht zur Verfügung stehe. Da der Dienstplan für Oktober noch nicht geschrieben war, sollte das kein Problem darstellen. Natürlich ist das für den Kunden in dem Moment eine doofe Nachricht gewesen. Aber das ist der Grund warum ich als Freiberufler in der Pflege arbeite. Ich kann mir meine Arbeitszeit und meine Freizeit selbst einteilen.

Der Kunde fand das auch nicht so toll, aber der Dienstplan steht trotzdem, da ich ja nicht die einzige bin die dort arbeitet.

 

Jetzt geht es los

Ja, und jetzt bin ich mitten in den Vorbereitungen. Ich lese sehr viel, auf Blogs von anderen die den Caminho schon gegangen sind. Ziehe mir Tipps rein, was wichtig ist und was vielleicht weniger wichtig ist. Hatte auch einen guten  Tipp gelesen, das man sich zumindest ein bisschen vorbereiten sollte, und nicht ganz so untrainiert hingehehn soll.

Da ich ja nun gar keinen Sport mache und es nicht gewohnt bin, mal eben 20-25 km zu gehen, dachte ich, das wäre doch wirklich eine gute Idee für mich. Also bin ich am 12.09. gestartet und habe mir eine 5km Wanderung zugemutet. In den Wanderschuhen die ich schon länger habe und gerne dort tragen möchte. Um sie einzulaufen. Ausserdem hatte ich mir gestern dann spontan eine Trekking Hose gekauft und auch diese will ich „einlaufen“. Soweit wie das bei Hosen geht 😉

Nein, es geht mir darum zu sehen, scheuert sie irgendwo, sitzt sie bequem oder sollte ich sie austauschen. Die Hose habe ich mir zusammen mit einer guten dünnen Regenjacke gekauft, da ich keine mehr habe. Dafür habe ich auch richtig Geld ausgegeben, die Jacke hat 99€ gekostet. Ich werde sie ja aber auch so im Alltag tragen und da ich eben keine dünne Regenjacke mehr hatte, war das ok. Ich persönlich finde sie schick und ob sie regendicht ist, wird sich dann zeigen. Hersteller ist Pinea. Eine noch relativ neue Outdoor Marke.

Ich habe meinen Hund mitgenommen. Dadurch brauchte ich auch was länger. Denn die alte Dame macht öfters Pause und wurde ab Kilometer 3 sehr langsam. Für übermorgen habe ich mir die nächste Etappe vorgenommen, mit 7,5 km, aber dann ohne Hund. Bella ist es dann doch einfach nicht gewohnt so lange Strecken zu gehen und mit ihr bin ich sooo langsam, das ich auch für mich nicht rausfinden kann, was ist so mein Durchschnittstempo.

Übung macht den Meister

Nächste Woche möchte ich 10 und 12,5 km versuchen und am besten auch einmal 20 km. Eine Woche vor meinen Abflug möchte ich gerne mit meinem Mann zusammen die 20 km gehen. Kinder sind schon wegorganisiert und da er in seinem Job öfters, genauer 1 mal pro Monat, einen Leistungsmarsch machen muss, hatte er mir angeboten, das wir die lange Strecke zusammen laufen.

Ich möchte auch den Rucksack dabei tragen, mit möglichst nur 6 Kilo Inhalt. Das ist mein erklärtes Ziel. Also nur 6 Kilo dabei zu haben. Mich auf das wirklich aller wesentliche zu beschränken. Ich bin gespannt ob ich das schaffe. Im Moment sieht es noch sehr gut aus.

Nur der Rucksack fehlt mir noch. Gestern nach der Arbeit war ich noch in Bonn und habe bei McTrek welche anprobiert.  Allerdings liegen die so in der Preisklasse 120 € aufwärts und das finde ich echt viel Geld. Denn ich brauche auch noch einen leichten Schlafsack. Unsere, die wir jetzt haben, wiegen mal eben knapp 2 Kilo und sind sehr sperrig. Deswegen fahre ich morgen zu Decathlon mit einer Freundin und werde mich dort mal umsehen.

Ich hatte auch nach gebrauchten Rucksäcken geschaut. Aber es sind fast nur 60-80l Rucksäcke im Angebot und ich möchte ja einen 35-40l Rucksack. Denn das ist auch ein Grund für mich zu pilgern. In meiner Vorstellung, warum ich das überhaupt mache.

Weg vom Konsum zum total einfachen Leben

Es geht für mich auch sehr stark um die Reduktion auf das Wesentliche. Wirklich nur das mitzunehmen was ich wirklich brauche. Und deswegen auch nicht soviel Wäsche dabei zu haben, weil ich abends waschen kann. Im Grunde brauche ich eine Garnitur am Körper und eine 2. zum Wechseln im Rucksack. Also 2 Hosen, 2 T-Shirts, 2 Unterhosen, 2 BHs und 2 Paar Socken.

Gehen ist für mich auch wichtig. Gehen ist wie Meditation für mich. Ich kann meine Gedanken sehr gut dabei sortieren. Es ist so als ob mit jedem Schritt den ich gehe, jeden Meter den ich weiterkomme, ich auch in Gedanken klarer werde und weiterkomme. Je länger ich gehe, umso besser. Und das kann ich im Moment sehr gut gebrauchen.

Und diese Konsumgesellschaft in der wir leben wollte ich bewußt mal hinter mir lassen. Als ich letzte Woche mal die Garage aufgeräumt habe, habe ich ganz viel verschenkt, verkauft und weggeworfen. Dabei ist mir noch mal klar geworden, wieviel Besitz wir eigentlich haben. Deswegen ist es mir noch wichtiger geworden diesen „Test“ zu machen. Wie ist es denn diesen Weg zu gehen und fast nix dabei zu haben? Und mich um meine Habe gut kümmern zu müssen, weil sie 2 Wochen durchhalten muss. Nicht den Luxus eines Einzelzimmers mit weichem Bett zu haben, sondern mit anderen zusammen im Schlafsaal zu schlafen.

Ich weiß noch nicht was ich zu essen bekommen, wie ich wo was zu essen bekomme… Um diese Reduzierung geht es mir auch. Und sie ist meines Erachtens dort am besten möglich.

Jetzt wird es also der Caminho Portugues…. Ich freue mich schon darauf. Bin aber auch schon etwas nervös ob ich das alles so hinbekomme. Ob mein Körper das alles so hinbekommt. Trotzdem geniese ich jetzt die Vorfreude bald alles selbst sehen, fühlen und erleben zu können. Ich habe den Glauben und das Vertrauen, das sich alles so fügen wird, wie ich das brauche. Auch finanziell.

Ich habe meine Dienstleistung im Oktober schon gut verkauft. Besser als gedacht. Deswegen ist mein finanzielles Loch kleiner als ich dachte und ich muss im November garnicht soviel stopfen. Das zeigt mir bereits, das sich das Vertrauen lohnt. Es wird alles so kommen wie es sein muss. Alles wird sich fügen.

Ich bin voller guter Hoffnung. Meine erste Übung mit 5 km liegt hinter mir und ich werde jetzt weiter üben, meine Ausrüstung zusammenstellen, reduzieren, mich informieren….

 

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1 Kommentar

  1. Ich freue mich schon auf deine Erfahrungen! Du schreibst toll! Ich wünsche dir eine tolle und erkenntnisreiche Zeit auf dem Jakobsweg! Möge dein Körper gut durchhalten und du täglich gerne aufbrechen! Ich beneide dich um diese Erfahrung 😊

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